Frauenpower bei der Korsch AG

Frauenpower bei der Korsch AG
girlsatec im Interview mit Andrea Planert und Elvira Besel

Die Korsch AG ist Spezialist im Bereich der Tablettiertechnik. Das Unternehmen entwickelt Sondermaschinen zur Herstellung von Tabletten aller Art. Für unser Interview trafen wir Andrea Planert [P], die seit 5 Jahren zum Unternehmen gehört. Sie ist für die Ausbildung in der Konstruktionsabteilung Elektrotechnik zuständig. Ihre Kollegin Elvira Besel [B] ist nach ihrem Master-Abschluss und einer damit verbundenen Arbeit als Werkstudentin nun seit vier Monaten Projektantin bei der Korsch AG. Gemeinsam tauschten sie sich mit uns über das Selbstbewusstsein junger Frauen, den Erwartungsdruck zu studieren und die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in einer Männerdomäne aus. Wir nehmen aus dem Gespräch interessante Anregungen für Unternehmen und Tipps für Schüler/innen mit, wie eine gute Zusammenarbeit von Frauen und Männern in technischen Berufen aussehen kann.
Viel Freude beim Lesen!

Sie arbeiten beide in der Elektrotechnik. Was müssen junge Frauen mitbringen, um sich in technischen Berufen behaupten zu können?
[P] Ich denke, man muss schon etwas tough sein. Wer eher schüchtern ist, hat es, meiner Meinung nach, schwerer. Eine ordentliche Portion Selbstbewusstsein gehört zu dem Beruf einfach dazu, um sich als Frau in einer Männerwelt durchzusetzen.

Muss „Frau“ dieses Selbstbewusstsein schon mitbringen oder entwickelt es sich während der Ausbildung?
[B] Ich würde unterschreiben, dass man von Anfang an ein gewisses Selbstvertrauen haben sollte. Weil momentan noch so wenige Frauen in den technischen Berufen anzutreffen sind, entsteht leicht das Gefühl, nicht für voll genommen zu werden. Da bleibt einem nur sich selbst zu ermutigen: „Ja, doch, ich kann was!“. Ich denke allerdings auch, dass man ein selbstbewusstes Auftreten entwickeln kann. In meiner Studienzeit kam es manchmal vor, dass ich in Projekten, die ich in einer Gruppe von überwiegend männlichen Mitstudenten durchgeführt habe, in die Situation kam, außen vor zu bleiben. Da musste ich dagegenhalten und eine stärkere Beteiligung bei meinen männlichen Kommilitonen einfordern. Durch meinen starken Willen und Beharrlichkeit war ich dabei auch in allen Fällen erfolgreich. Wenn man zusätzlich beispielsweise Unterstützung und Coaching erfährt wie in meinem Fall durch Frau Planert und diese dabei noch eine gewisse Vorbildfunktion hat, ist das in jedem Fall auch förderlich.

Wie hat Sie Frau Planert konkret unterstützt?
[B] Sie hat sich zum Beispiel dafür eingesetzt, dass ich bei der Korsch AG übernommen wurde. Das ging damit los, dass sie mir mein Zeugnis geschrieben hat und auch im Unternehmen regelmäßig bezüglich meiner Anstellung nachgehakt hat. Frau Planert hat sich wirklich sehr eingesetzt, auch in der Einarbeitung stand sie immer für Fragen zur Verfügung – das ist nicht selbstverständlich.

Hatten Sie im Studium manchmal Teams, die nur mit Frauen besetzt waren?
[B] Nein, von rund 40 Studierenden waren wir wirklich nur zwei bis drei Frauen. Was mir aber in der Zusammenarbeit mit anderen Frauen auffiel ist, dass wir weniger dazu neigten, Probleme allein zu lösen und uns auch getraut haben, die Dozierenden etwas zu fragen. In der Zusammenarbeit mit Männern hatte ich oft das Gefühl, da funktioniert es untereinander eher nach dem Motto „Ellbogen raus“. Aus meiner Sicht zeigten sich die Frauen im Studium hingegen teilweise offener, sie fragen nach und haben weniger Angst davor, Schwächen zu zeigen.

[P] Genau dieses „Schwächen eingestehen“, das unterscheidet Männer und Frauen teilweise auch nach meiner Erfahrung. So bin auch ich durch mein Berufsleben gekommen – ich habe mein Unwissen offengelegt, gefragt und dann eine Antwort bekommen. Diese Strategie gebe ich nun als Ausbilderin an meine Auszubildenden weiter. Ich weise Auszubildende mit Fragen nie zurück. Man kann ja auch nie alles wissen.

Ist das ist vielleicht auch ein Faktor, weswegen es für Frauen schwieriger ist, einen technischen Beruf aufzunehmen? Sie schätzen ihre eigenen Fähigkeiten eher geringer ein und geben ihre Unsicherheiten eher zu. Das hindert sie dann schneller daran z.B. eine Ausbildung zu beginnen, unter deren Inhalten Sie sich noch kein vollständiges Bild machen können.
[P] Ja, und ich denke, da spielt auch hinein, dass die jungen Menschen viel besser die einzelnen Berufe erklärt bekommen müssten. Unter dem Begriff „Technische(r) Systemplaner/in, der beispielsweise früher „technische(n) Zeichner/in“ hieß, – darunter kann man sich nur schwer etwas vorstellen. Früher war „der/die technische(r) Zeichner/in“ fast ein reiner Frauenberuf, aber heute kommen Absolventen mit größerem Selbstbewusstsein und sagen: „„technischer Systemplaner“ – Gut, das bekomme ich hin!“. Ich denke genau diese Begriffe schrecken die jungen Frauen eher ab. In der Schule sollten komplizierte Berufsbezeichnungen stärker erklärt werden. Würden die Schüler/innen da bessere Einblicke erhalten, würden sich sicher auch mehr junge Frauen für diese Berufe entscheiden. Gerade in diesem Bereich, der beruflichen Orientierung sehe ich da noch viel Nachholbedarf.

Welche Schwierigkeiten gibt es bei der Rekrutierung von neuen Auszubildenden?
[P] Die Voraussetzungen, die junge Menschen nach ihrem Schulabschluss mitbringen, sind teilweise unzureichend. Bewerber/innen mit Abitur sind eher selten, da sich diese oft unter Druck sehen ein Studium anzufangen. Viele verbinden mit solchen Entscheidungen auch, dass sie nach einem Studium mehr Geld verdienen. Das sind aber grundlegend falsche Bilder und diese sollte man schon in der Schule aufbrechen, denn man kann auch als Facharbeiter/in eine ganze Menge Geld verdienen.

[B] Ich denke, dass auch ein Problem der Fachkräftesicherung darin liegt, dass viele Schulabsolvent/innen in einer Ausbildung einen minderwertigen Berufseinstieg sehen. An den Schulen sollte daher stärker vermittelt werden, dass ein Einstig über ein Studium nicht immer der beste Weg ist. Schülerinnen und Schüler müssen ermutigt werden, sich auszuprobieren und nicht dazu, so schnell wie möglich ein Studium abzuschließen.

Wie wichtig sind dann gute Information und berufliche Orientierung?
[B] Sehr wichtig! Man muss ja auch selbst erst einmal seine Interessen erkennen und abstecken. Bis ich meinen Weg gefunden habe, musste ich auch erst einmal ein Studium abbrechen, das Scheitern lernen und mich dann mit dem Blick nach vorn weiterbewegen. Wenn ich mir selbst im Nachhinein einen Rat hätte geben können, hätte ich gesagt: „Mach zuerst eine Ausbildung! Schau dir den Bereich erst auf praktischer Ebene an!“ Ich habe gemerkt, dass die Kommilitonen im Studium, die selbst schon eine Ausbildung hinter sich hatten, einen ganz anderen Zugang zum Thema besaßen. Nach dem Studium kann man eben noch nichtviel, was für die Praxis unmittelbar relevant ist. Das merke ich jetzt auch noch – ich muss vieles neu erlernen, weil diese Praxis einfach fehlt.

Was denken Sie, warum in Ihrer Schulzeit oft vermittelt wurde, dass man studieren sollte?
[B] Ich denke, dass es für Lehrer/innen relativ schwierig ist, diesen Prozess zu begleiten, da sie selbst ja auch einen ganz anderen Werdegang haben. Die Lehramtsausbildung läuft eher geradlinig ab: Abitur, Studium, Referendariat und dann ist man Lehrer/in.

Genau dieses Ziel verfolgen wir mit unserer girlsatec-Lehrer/innen-Werkstatt. Wir haben bereits sehr gute Kontakte zu Lehrer/innen geknüpft und interessante und aufschlussreiche Gespräche über die Zugangsvoraussetzungen, Ausbildungsinhalte und Einstiegsgehälter der dualen Ausbildung geführt.
[P] Das ist dann sicher auf freiwilliger Basis? Ich erwarte, dass man nicht nur auf interessierte und einsichtige Lehrer zählt, sondern darauf, dass es im Lehrplan festgeschrieben wird und dass auch Beraterinnen und Berater in der Berufsorientierung reale Einblicke in die Praxis der Unternehmen bekommen.
Die fehlende Praxiserfahrung zeigt sich auch in den Unternehmen, denn auch wenn junge Studienabgänger mit guten Noten von der Uni kommen, fangen wir bei Null an und zunächst muss das Unternehmen investieren – Zeit und Geld. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man mit einer Ausbildung als Grundlage interessanter für die Firmen ist, da man mit diesem Vorwissen ganz anders eingesetzt werden kann, als wenn man frisch vom Studium kommt. Auch mit einer einfachen Ausbildung hat man viele Möglichkeiten im Anschluss, beispielsweise als Mechatroniker/in – diese Berufe, ihre Vielseitigkeit, Berufsfelder und -chancen sollten viel stärker in den Schulen erklärt werden.

Wir haben jetzt die Positionen der Schulen betrachtet, was können aus Ihrer Sicht Unternehmen für eine bessere berufliche Orientierung tun?
[P] Unternehmen könnten mehr Praktika für Schüler/innen anbieten, vor allem auch außerhalb der 9. Klasse-Regelung. Möglich wären auch kleine Ferienjobs, so könnten junge Leute die Firma, aber auch die Berufe in dieser Firma kennenlernen. Man muss für seinen eigenen Nachwuchs werben. Wenn junge Menschen dann zeigen, dass sie lernen wollen, ist das das A und O.

Dann stehen bei einer Anstellung eher das Interesse am Beruf und die Softskills im Vordergrund, richtig?
[P] Genau, man muss den Beruf ja nicht schon vorher kennen, aber man muss mit Lust und Liebe an die Sache herangehen und dranbleiben. Das logische Denken und ein gewisses Interesse an Technik, Neugier, Frustrationstoleranz, Durchhaltevermögen, eine gewisse Selbstsicherheit, diese Faktoren sind eigentlich die Grundlage für die Aufnahme einer Ausbildung. Natürlich zählen Grundlagen in Mathe und Physik auch dazu und im besten Fall sollte man sich im Vorhinein schon umfangreich und vielseitig ausprobiert haben, beispielsweise durch Praktika, Projekte in der Schule, AGs… . Und wenn man dann den ersten Fuß in der Praxis hat, sollte man sich nie davor scheuen zu fragen!

Wir haben gefragt und viele interessante Antworten bekommen – wir bedanken uns bei Frau Planert und Frau Besel für das aufschlussreiche Gespräch.

Das Projekt girlsatec trägt mit seinen Angeboten, Informationsmaterial und Veranstaltungen dazu bei, mehr junge Frauen für technische Berufe zu begeistern.
Unser Angebot richtet sich an:
Unternehmen
Lehrer*innen
Schüler*innen und
Eltern
Mehr Informationen dazu finden Sie/Ihr auf unserer Website www.girlsatec.de